Israel wird sich von den USA nicht von einem Überfall auf den Iran abbringen lassen, sagt Micah Zenko vom Council on Foreign Relations.

Wenn der Iran bis Ende September nicht auf die internationalen Vorschläge zu seinem Atomprogramm eingegangen ist, wird Israel nach den Erfahrungen aus der Vergangenheit allein handeln.
Von Micah Zenko LOS ANGELES TIMESÜbersetzt von Wolfgang Jung
Der Iran hat bis Ende September Zeit, um auf den letzten internationalen Vorschlag, mit dem die Islamische Republik an der Entwicklung von Atomwaffen gehindert werden soll, zu antworten. Nach diesem Vorschlag soll der Iran sein Programm zur Urananreicherung aufgeben, und der UN-Sicherheitsrat wird als Gegenleistung auf die vierte Runde wirtschaftlicher und politischer Sanktionen verzichten.

Wenn diese diplomatischen Bemühungen scheitern, sollte die Welt darauf vorbereitet sein, dass Israel die vermuteten iranischen Produktionsstätten für Atomwaffen angreift. Admiral Michael Mullen, der Chef des US-Generalstabs, erklärte kürzlich: „Das Fenster zwischen einem Schlag gegen den Iran und der Möglichkeit, dass er sich Atomwaffen verschafft, ist ein ziemlich schmales Fenster.“ (Zu Mullens Äußerung s. auch http://www.luftpostkl.de/luftpost-archiv/LP_09/LP17709_180809.pdf )

Falls Israel einen derart risikoreichen und destabilisierenden Schlag gegen den Iran unternehmen sollte, wird Präsident Obama über diese Operation wahrscheinlich früher von (dem US-TV-Sender) CNN als von der CIA informiert. Die Geschichte lehrt uns, dass Israel, wenn Washington Einfluss auf israelische Militäroperationen zu nehmen versucht, seine vorbeugenden und vorauseilenden Überfälle lieber anschließend rechtfertigt, als sie vorher billigen zu lassen. Diejenigen, die hoffen, dass es der Obama-Regierung gelingen wird, Israel so unter Druck zu setzen, dass es von einem Angriff auf den Iran absieht und sich mit weiteren diplomatischen Bemühungen zufrieden gibt, liegen völlig falsch.

Das gegenwärtige Gerangel in der iranischen Führung hat einige Beobachter zu der unzutreffenden Annahme verleitet, Teherans Atomprogramm gerate ins Stocken. Wie dem am Freitag veröffentlichten Bericht der Internationalen Atomenergie-Agentur über das Atomprogramm des Irans zu entnehmen war, ist die iranische Zentrifugen-Produktion auch während der politischen Krise in der letzten drei Monaten uneingeschränkt fortgesetzt worden, ebenso die Produktion von Uranhexafluorid, mit dem die Zentrifugen gefüttert werden. (zu Uranhexafluorid s. http://de.wikipedia.org/wiki/Uranhexafluorid )

Schauen wir uns vier frühere israelische Militäroperationen an, die für einen möglichen Schlag gegen den Iran relevant sein könnten.

Im Oktober 1956 starteten Israel, Großbritannien und Frankreich einen erfolglosen Angriffauf Ägypten, weil sie wieder die Kontrolle über den Suezkanal übernehmen wollten. Am Tag vorher hatte (US-)Außenminister John Foster Dulles den israelischen Botschafter Abba Eban einbestellt, um ihn über den israelischen Militäraufmarsch an der Grenze mit Ägypten zu befragen, aber Eban schwieg zu den Plänen seines Landes. (Informationen zu diesem Angriff s. http://de.wikipedia.org/wiki/Sueskanal )

Im Juni 1967 begann Israel den Sechstagekrieg (gegen Ägypten), ohne vorher Washington zu informieren, obwohl (US-)Präsident Johnson darauf gedrängt hatte, dass Israel den bestehenden Zustand zu akzeptieren und sich vor einer Aktion mit den Vereinigten Staaten zu beraten habe. Nur wenige Tage vor Kriegsbeginn teilte Johnson dem (israelischen) Premierminister Levi Eshkol in einer persönlichen Nachricht mit: „Israel sollte keine voreilige Militäraktion einleiten und sich damit dem Vorwurf aussetzen, die Feindseligkeiten begonnen zu haben.“ (s. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Sechstagekrieg )

Am 7. Juni 1981 zerstörten israelische Jagdbomber den irakischen Atomreaktor in Osirak – kurz bevor er in Betrieb gehen und atomwaffenfähiges Plutonium produzieren konnte. Wieder wurde Washington nicht im Voraus informiert. Präsident Reagan „verurteilte“ den Angriff, „weil andere Optionen möglich gewesen wären“. (s. dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/Osirak ) Ein paar Tage später äußerte der (israelische) Premierminister Menachem Begin in den Nachrichten (des TV-Senders) CBS: „Dieser Angriff wird ein Präzedenzfall für jede zukünftige israelische Regierung sein. … Jeder zukünftige israelische Premierminister wird unter ähnlichen Umständen auf die gleiche Weise handeln.“

Die Vorhersage Begins bestätigte sich am 6. September 2007, als israelische Flugzeuge im syrischen Al Kibar eine Anlage zerstörten, die ein von Nordkorea gelieferter Plutonium-Reaktor gewesen sein soll (Informationen dazu s. http://www.luftpost-kl.de/luftpostarchiv/LP_07/LP19907_220907.pdf ). Vier Monate vorher hatten Offizielle des israelischen Geheimdienstes der Regierung Bush erdrückende Beweise über den Reaktor zur Verfügung gestellt, und das Pentagon machte bereits Pläne, ihn anzugreifen. David Sanger, ein Reporter der New York Times, berichtete, Präsident Bush – welche Ironie – habe schließlich entschieden, dass die Vereinigten Staaten nicht deshalb ein anderes Land bombardieren könnten, weil es angeblich Massenvernichtungswaffen habe. (Dabei hatte die Bush-Administration den Irak-Krieg damit begründet, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfüge.) Ein Vertreter der US-Regierung teilte damals mit, dass Israels Angriff „ohne grünes Licht (aus Washington) erfolgt sei. Weil niemand vorher gefragt wurde, habe auch niemand grünes Licht geben können“.

Diese Vorkommnisse demonstrieren, dass sich Israel, wenn es iranische Atomwaffen für eine existenzielle Bedrohung hält, über US-Bedenken gegen den Einsatz militärischer Gewalt hinwegsetzen wird. Kurz nach einer (israelischen Militär-)Operation wird Washington öffentlich und auf diplomatischen Weg sein Bedauern gegenüber Tel Aviv ausdrücken. Die langjährigen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Israel werden aber so gut wie bisher bleiben, und die enge diplomatische, wirtschaftliche, geheimdienstliche und militärische Zusammenarbeit wird andauern.

Wenn Teheran bis zu dem Termin im September nicht reagiert und nicht auf sein Atomprogramm verzichtet, das ihm den Bau von Atomwaffen ermöglichen würde, können wir einen israelischen Angriff erwarten, der ohne Einholung einer US-Erlaubnis oder eine vorher ausgesprochene Warnung erfolgen wird.

Micah Zenko ist ein Mitarbeiter im Center for Preventive Action (im Zentrum für vorbeugende Handlungen) des (einflussreichen US-Think Tanks) Council on Foreign Relations (s.http://de.wikipedia.org/wiki/Council_on_Foreign_Relations ).

——————————————————————————–

(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit Anmerkungen in Klammern versehen. Er ergänzt unsere Aussagen in der LUFTPOST 117/09, die unter http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_09/LP17709_180809.pdf aufzurufen ist. Der Autor will den Eindruck erwecken, die US-Regierung könne Israel nicht von einem Angriff auf den Iran abbringen, selbst wenn sie das wollte. Das hört sich sehr nach einer vorbeugenden Ausrede an, damit man als verlässlicher Komplize später behaupten kann, man habe alles versucht, umeinen israelischen Überfall auf den Iran zu verhindern, sei aber nicht durchgedrungen.)

——————————————————————————–

Der Originalartikel erschien unter dem Titel: Israel has Iran in its sights bei LOS ANGELES TIMES.

Übersetzt von: Wolfgang Jung Luftpost, Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein. http://www.luftpost-kl.de. Kommentar in kursiv und Anmerkungen in klammern wurden vom Übersetzer eingefügt.

——————————————————————————–

Ramsteiner Appell: Angriffskriege sind verfassungswidrig – von deutschem Boden darf kein Krieg ausgehen!

Unterschreiben Sie jetzt!

Quelle:Netzwerkpartner saarbreaker!

Advertisements