Von Jana Frielinghaus | Junge Welt

OECD-Kinderbericht: Nachwuchs sozial Schwacher wird in Deutschland massiv benachteiligt. Appell für mehr Chancengleichheit im Bildungssystem.

Es ist nicht so, daß in der Bundesrepublik der Haushaltsposten »Kinder« schlecht bestückt wäre – im Gegenteil. Im Durchschnitt gibt der Staat bzw. die öffentliche Hand in der BRD für jedes Kind bis zur Volljährigkeit umgerechnet 144500 US-Dollar aus. Dies ist in einer Studie nachzulesen, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag in Berlin vorstellte.

Mit dieser Summe liegt Deutschland noch im oberen Drittel der 30 OECD-Mitgliedsstaaten. Spitzenreiter ist Luxemburg mit 380000 Dollar pro Kind, es folgen Norwegen (204000 Dollar) und Schweden (176000 Dollar).

Doch gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind dem deutschen Staat Kinder vergleichsweise wenig wert. Und es hapert massiv an einer gerechten Verteilung. Die OECD moniert dies ebenso wie den vergleichsweise hohen Anteil an Direktzahlungen an die Familien. Monika Queisser, Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der Organisation, betonte, Deutschland bleibe hinsichtlich der Verwirklichung äquivalenter Lebensverhältnisse und Chancengleichheit hinter Ländern mit ähnlich hohen Gesamtausgaben zurück.

Der Bundesregierung empfahl sie, Transfers »stärker auf bedürftige Kinder und deren Familien« zu konzentrieren. »Außerdem sollten Dienstleistungen wie Kinderbetreuung und Ganztagsschulen weiter ausgebaut werden«. Durch letzteres würde man insbesondere Alleinerziehenden – 40 Prozent von ihnen leben in Deutschland in relativer Armut – die Aufnahme einer Berufstätigkeit und damit ein Entkommen aus der Armutsfalle zu ermöglichen.

16,3 Prozent der Kinder leben laut OECD-Berechnungen in Deutschland in Armut, d.h. ihre Familien haben weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung. Dieser Anteil dürfte inzwischen noch erheblich gestiegen sein, denn die von der Organisation verwerteten Daten stammen aus dem Jahr 2005. Damals waren die Hartz-Gesetze erst ein gutes Jahr in Kraft. Mehrere Studien haben bereits nachgewiesen, daß durch sie die Kinderarmut massiv zugenommen hat.

Menschen mit geringem Einkommen und ALG-II-Bezieher sind auch beim Elterngeld – das in der OECD-Studie noch nicht berücksichtigt wurde – benachteiligt. Ihre Bezüge wurden mit seiner Einführung Anfang 2006 halbiert, da es nur ein und nicht wie das alte Erziehungsgeld zwei Jahre lang gezahlt wird. Mit der von der OECD gemessenen Kinderarmutsquote lag Deutschland bereits 2005 weit über dem Durchschnitt der Mitgliedsländer von knapp zwölf Prozent. Schlechter standen nur die USA (20,6 Prozent) da.

Trotz der verbreiteten relativen Armut berichtet nur einer von 200 Jugendlichen, daß ihm die notwendige Ausstattung für den Schulbesuch fehlt. Das ist der zweitniedrigste Wert in der OECD. Einmal mehr kritisiert die Organisation im aktuellen Bericht jedoch die fehlende Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem. Der Erfolg der Kinder hänge wie in kaum einem anderen Land maßgeblich von finanziellen Möglichkeiten und/oder dem Engagement der Eltern ab.

Quelle: Junge Welt

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