0916teaser_weltVon Thomas Gröbly

Große Konzerne, ja ganze Regierungen sind auf Einkaufstour durch die Welt. Sie wollen möglichst viel Boden unter ihre Kontrolle bringen – und die Menschen auch

Zum Beispiel Madagaskar: Dort sollen 1,3 Millionen Hektar Ackerland für 99 Jahre an den südkoreanischen Konzern Daewoo verpachtet werden – ein knappes Drittel der Schweiz. Das Unternehmen will sein Land auf diesem Boden mit Lebensmitteln und Agrotreibstoffen versorgen. Das Geschäft ist gefährdet, da sich die Madagassen zur Wehr setzen. Kein Wunder: Madagaskar erhält Lebensmittel von der UNO.

Madagaskar ist nur ein Beispiel für einen neuen Trend: den Ausverkauf von Agrarland. China, Südkorea, Japan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind in großem Stil auf Einkaufstour vor allem in Afrika, aber auch in den USA, Lateinamerika und Indonesien. Die aktuelle Finanzkrise hat gezeigt, wie flüchtig Geld ist. Die steigenden Lebensmittelpreise machen Land und Boden zu einer sicheren Geldanlage.

Laut Sue Branford von der Organisation Grain versprechen viele Investoren den Gastländern »soziale Leistungen wie den Bau von Schulen oder eine bessere Infrastruktur. Aber das macht den Landverlust der Bauern nicht wett. Ohne eigenen Grund sind die Einheimischen vom Hunger bedroht«.

Szenenwechsel: Viele deutsche Städte haben Anfang dieses Jahrhunderts Verkehrsbetriebe, Wasserwerke, Müllentsorgungsanlagen und andere Dienstleistungen wegen Finanzknappheit an ausländische Konzerne verleast – in der Hoffnung, sie könnten Kosten sparen. Mit der Finanzkrise erwies sich die Hoffnung auf diese verschachtelten, als Cross-Border-Leasing bezeichneten Geschäfte als Trugschluss. Denn die privaten Konzerne investieren oft nicht genügend in die Infrastruktur. »Statt der erhofften Gewinne haben die Städte enorme Verluste, und die Bürger müssen dafür aufkommen«, schrieb die Zeit.

Szenenwechsel: Der Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck sagt im Film »We feed the world« selbstbewusst: »Wasser ist ein Lebensmittel wie jedes andere und sollte einen Marktwert haben.« Der Verschwendung könne nur Einhalt geboten werden, wenn Wasser einen Preis habe, und Private könnten eine effizientere Nutzung von Wasser besser garantieren als die staatlichen Institutionen. Mit diesen Aussagen begründet Brabeck die Privatisierung von Wasserwerken, Quellen und den Verkauf von Flaschenwasser.

Solche Geschichten haben eine breite Debatte darüber ausgelöst, wem die Welt, wem Wasser, Boden oder etwa Regenwald gehören sollen. Lange Zeit bestand dabei Einigkeit: Gemeingüter wie Boden oder Wasser sind Güter, die von allen mehr oder weniger frei genutzt werden können. Weil Boden und Wasser existenziell überlebensnotwendig sind, ist ihre freie Nutzung ein Menschenrecht und höherwertig als das Recht auf Eigentum.

Im Laufe der Geschichte war das lange selbstverständlich. Die Wasserversorgung war eine Gemeinschaftsaufgabe und Boden war ebenfalls eine Allmende, ein Gemeinschaftsbesitz. Erst im Laufe der Zeit kam die Idee auf, dass Land in privaten Besitz kommen kann. Es galt aber immer noch, dass ein Bodenbesitzer sein Land selber bestellen muss. Erst zur Zeit des Kolonialismus wurde Großgrundbesitz üblich. Er blieb allerdings auch erhalten, nachdem die Länder unabhängig geworden waren.

Heute steht offenbar eine neue Phase des Großgrundbesitzes an, obwohl für Kleinbauern ein kleines Stück Land die beste Sicherung ihrer Existenz bedeutet. 43 Prozent aller Menschen weltweit sind immer noch Bäuerinnen und Bauern. Der Zugang zu Boden ist deshalb entscheidend für die Bekämpfung der Armut und die Garantie des Menschenrechts auf Nahrung.

Gemeingüter wie Wasser und Boden sind nicht von Menschen erschaffen, sie sind ein Geschenk der Natur. Weshalb es nicht zu rechtfertigen ist, dass der Zugang in der Hand von wenigen liegt. Derzeit sind Boden und Wasser vielfältig bedroht – durch Ökonomisierung, Externalisierung und Privatisierung.

Ökonomisierung bedeutet, dass alles zur Ware wird. Das bringen die Aussagen des ehemaligen Nestlé-Vorstandschefs Peter Brabeck zum Ausdruck. Die Wachstums-Logik kennt keine Grenzen. Alles wird zur Ware und öffnet sich dem Kapital. Dann kommt Kapital vor Ernährungssicherung und Lebensqualität. Wenn Kleinbauern und Kleinbäuerinnen lokal produzieren und gut leben, dann ist das schädlich fürs Kapital.

Umgekehrt kann das Kapital schädlich für das Land sein. Laut Spiegel betreiben die ausländischen Investoren industrielle Intensiv-Landwirtschaft. Nur so können sie die Erträge steigern und eine jährliche Rendite von 20 Prozent und mehr erbringen. »Und ist das Land nach ein paar Jahren ausgelaugt, ziehen viele der Investoren weiter – so billig sind Pacht oder Kauf, dass sie auf nachhaltige Nutzung keinen Wert legen müssen.«

Bei Privatisierung und Patentierung von Gemeingütern werden Pflanzen, Tiere, Gensequenzen und Saatgut der öffentlichen Nutzung entzogen. »Privat« kommt vom Lateinischen »privare« und bedeutet berauben. Die Privatisierung raubt den Menschen die Verfügungsgewalt über die Lebensgrundlagen. Privatbesitz von Sonnenschirmen, Häusern oder Musikanlagen ist unproblematisch.

Wasser und Boden sind jedoch lebensnotwendig, weshalb die Kontrolle nicht bei einigen wenigen konzentriert werden darf. Zwar garantiert auch Gemeinbesitz noch keine nachhaltige Nutzung, aber Privatisierung von Wasser und Boden ermöglicht, zu Ende gedacht, eine totale Kontrolle von wenigen über die Mehrheit der Menschen.

Externalisierung bedeutet, dass die Kosten der Nutzung von Boden und Wasser verlagert werden. Ihre Zerstörung wird bei der Produktion in Kauf genommen. Der Preis der Zerstörung erscheint aber nicht im Preis der hergestellten Produktes. Da sich die Folgen der Bodenzerstörung erst nach langer Zeit zeigen, müssen jene die Kosten der Zerstörung tragen, die den Boden künftig nutzen. Externalisierung ist Ausdruck der ökonomischen Logik: heute verdienen – ohne Rücksicht auf morgen.

Weltweit sind viele Böden durch Erosion, Pestizide, Verdichtung, Versalzung und verringerten Humusgehalt zerstört. 65 Prozent der weltweit kultivierten Flächen zeigen eine verschlechterte Zusammensetzung, im Fachjargon Degradation. Die Erfahrung beweist, dass großflächige, industrielle Landwirtschaft schädlich für den Boden ist.

Da aber die Agrarflächen weltweit kaum mehr ausgeweitet werden können, müssen die Böden gut gepflegt werden, zumal ein fruchtbarer Boden auch als Filter und Speicher von Wasser wichtig ist. Nur fruchtbare Böden können die Ernährung der Menschen langfristig sichern. Kleinbauern können den Boden in der Regel besser pflegen, weil ihre Existenz direkt davon abhängt. Großinvestoren nutzen ihn dagegen aus und ziehen weiter.

Mehr als achtzig Prozent des weltweiten Süßwasserverbrauchs gehen auf das Konto der Landwirtschaft. Natürlich stellt sich die Frage, wie es im geschlossenen System Erde Wasserknappheit geben kann. Die Antwort: Das Wasser ist meist am falschen Ort, entweder im Meer als Salzwasser oder in regenreichen Gebieten.

Der Klimawandel verschärft die Lage noch, weil trockene Gebiete noch trockener und feuchte Gebiete noch feuchter werden. Insgesamt nehmen die Wetterextreme wie Dürren, Überschwemmungen oder Stürme zu. Mit dem Abschmelzen der Gletscher gehen zudem wichtige Wasserspeicher verloren. Es wird vielerorts an Wasser mangeln.

Die Herausforderung besteht darin, viele Lebensmittel mit möglichst wenig Wasser zu produzieren – auf möglichst fruchtbaren Böden. Es ist durchaus verständlich, dass Konzerne und Regierungen versuchen, Wasserquellen, die Wasserversorgung und die Böden unter ihre Kontrolle zu bringen. Doch der aktuelle Angriff auf die Gemeingüter Boden und Wasser ist ein Spiel mit dem Leben und damit und ein Angriff auf die Menschenwürde.

Bildunterschriften, Marginalien, Zitate:

Thomas Gröbly ist gelernter Landwirt. Er studierte Theologie mit dem Schwerpunkt angewandte Ethik in Zürich. Der reformierte Pfarrer lehrt Ethik an verschiedenen Fachhochschulen in der Schweiz.»Der Angriff auf Boden und Wasser ist ein Angriff auf die Menschenwürde« Thomas Gröbly

Quelle: Publik-Forum
Dank an Netzwerkpartner meinpolitikblog.de.

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