Von Volker Wulle

kleinIm Moment versuche ich die bittere Realität noch etwas auszublenden, aber ich weiß, dass ich wahrscheinlich ab 1. November hungern muss und die Erhaltung meiner nicht all zu grossen Wohnung gefährdet ist.

Ab diesem Zeitpunkt werden mir nur noch 120 EUR im Monat für Essen und meinen Haushalt bleiben, da ich – ohne eigenen Zuverdienst – alleine auf ALG II angewiesen bin.

Ich frage mich wie dies funktionieren soll.

Ich bin seit der Einführung von Hartz IV dabei, hatte allerdings immer noch das Glück gehabt, geringfügige Beschäftigungen zu finden, mit denen ich sogar den größten Teil meines bescheidenen Lebensunterhalts selbst bestreiten konnte. Viel war es nicht. Immerhin konnte ich noch in Würde wohnen, hatte zu essen und konnte im Monat noch 50 EUR für die nächste Heizkostennachzahlung zurücklegen.

Aus Hartz IV kam ich allerdings nie heraus.

Und nun sehe ich in erster Linie meine physische Existenz gefährdet.
In den letzten 2 Jahren übte ich eine Teilzeitbeschäftigung in einem festen Arbeitsverhältnis der Stadt Bad Camberg aus und betreute als Mitarbeiter der Stadtjugendpflege ein kleines Jugendzentrum mit angeschlossenem Internet-Café.

Da ich schon über 50 Jahre alt war, wurde dieser Arbeitsvertrag mit der Zusage auf 3 Jahre von der ARGE mit einem erheblichen Teil bezuschusst.
Ich war damals voller Hoffnung, hatte ich doch schon vorher in dieser Einrichtung für 20 Monate einen 1 Euro-Job absolviert, kannte die Materie, die Jugendlichen kannten mich und diese Arbeit war für mich nicht nur als sinnvoll zu bezeichnen, sie machte mir Spass und ich konnte mich für einen kleinen Teil unserer Gesellschaft engagieren.

Allerdings bekam ich noch 72 EUR ALG II, da mir diese Beschäftigung nicht mehr als 820 EUR netto einbrachte.
Der Wermutstropfen dabei war, dass die Stadt mir nur einen befristeten Arbeitsvertrag anbot, jeweils für 12 Monate. Nach diesen 2 Jahren (ab 1. Oktober) wird mein Arbeitsvertrag – trotz Zusage der ARGE für eine Bezuschussung auf 3 Jahre – nicht mehr verlängert.

Es gibt ein Gesetz, das einen weiteren befristeten Arbeitsvertrag über diese 2 Jahre hinaus nicht mehr zulässt.
Originalton der Stadt Bad Camberg: „Dann müssten wir den Herrn Wulle ja bis zu seiner Rente bezahlen.“
Sollte ich nicht wieder eine geringfügige Beschäftigung finden, stehe ich vor dem Aus.

Was mir an ALG II-Bezügen zusteht, – davon kann ich nicht existieren.
Die ARGE übernimmt nur den Anteil meiner Miete für „angemessenen Wohnraum“ (45 qm), was einen unrealistischen Betrag von 282 EUR incl. Heizkosten ausmacht.

großDiese Berechnung legten die Sozialämter schon vor 20 Jahren zugrunde.
Da meine Wohnungsgrösse 70 qm beträgt (2 Zimmer/Küche/Bad), hatte ich bis jetzt die Differenz zu meiner MIete (435 EUR mit Umlagen) aus dem ALG II sowie der geringfügigen Beschäftigung beglichen. Pro Jahr betrug die Nachzahlung für meine Heizkosten zwischen 300 und 400 EUR.

Diese Nachzahlungen wurden von der ARGE nicht übernommen.
Ich möchte dazufügen, dass ich niemals eine sogenannte angemessene Wohnung für 282 EUR bekommen würde, es sei denn ich würde ein unwürdiges Dasein in einem Loch fristen wollen.
Ich rechne kurz meine monatlichen Fixkosten auf:
435.- Miete, 24.- Telefon mit Inernetanschluss, 52.- Stromkosten, 7.- Kontoführungsgebühren, 200.- Essen, Haushalt und bei Bedarf ein Keidungsstück.

Alleine von ALG II würde dies nicht mehr machbar sein.
Realistisch betrachtet sehe ich mich davor bedroht meine Wohnung zu verlieren, hungern zu müssen, krank zu werden, und zu einem späteren Zeitpunkt mit zerschlissener Kleidung herumlaufen zu müssen. Auch könnte ich mein Fahrrad nicht mehr benutzen, sollte ich eine neue Bereifung oder eine neue Kette benötigen.

Jeder von uns müsste sich vorstellen können, wohin dies führen wird.
Die Teilnahme an einem gesellschaftlichen Leben habe ich schon auf ein Minimum reduziert. Danach wird es auch dieses Minimum nicht mehr geben.
Dinge die mir eine seelische Stabilität geben, wie z.B. das Malen, kann ich in Zukunft wohl auch vergessen. Dafür wäre kein Geld mehr vorhanden.
Ich bin jetzt 53 Jahre alt und es wird von Jahr zu Jahr schwieriger für mich eine Arbeit – wie immer sie aussehen möge – zu finden.

Zum Schluß:

Nach Beendigung meiner Tätigkeit bei der Stadtjugendpflege wird dadurch ein Teil der Sozialarbeit in meiner Stadt nicht mehr stattfinden.
Das Jugendzentrum würde mehr oder weniger geschlossen bleiben.
Ich nehme an, dass die Stadt wieder auf eine 1 Euro-Kraft zurückgreifen wird.
Das wäre ein Witz.

Quelle: Frei-Blog

Quelle Bild oben: von Schockwellenreiter via Flickr. CC Lizenz

Quelle Bild unten: von MedienGuerilla via Flickr. CC Lizenz

Dank an Netzwerkpartner meinpolitikblog.de für den Hinweis zu diesem Artikel!

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