Den nachfolgend veröffentlichten Artikel bekamen wir von Wolfgang Gerecht (Initiative maintaunusSozialpass) zugesandt und leiten ihn an unsere Leserinnen und Leser weiter, da wir dieses Verhalten einerseits zutiefst verurteilen und andererseits für eine nur allzu typische Stilblüte des „offiziellen Umgangs mit berechtigter Kritik“, sowie der Definition von „Gemeinwohl und sozialem Engagement“ halten, wie sie von den meisten „sozialen Einrichtungen“ ausgegeben und rigoros angewandt wird … (Quellenverweis am Ende des veröffentlichten Artikels)

* * * * * * * * * * * * * * *

Münster-Tafel bestraft Widerspruch
Weil ein Hartz-IV-Empfänger junge Welt ein kritisches Interview gab, bekommt er keine Lebensmittel mehr.

Sippenhaft: Seine Frau auch nicht

Von Gerrit Hoekman

********************

Wer widerspricht, bekommt zur Strafe nichts zu essen.

Daß dieses Erziehungsmittel aus der pädagogischen Mottenkiste hier und da noch Anwendung findet, erfährt gerade Moritz Seegers aus Münster.

Seitdem er nämlich der jungen Welt Mitte Juni ein Interview gab, in dem er sich kritisch über die Arbeit der Münster-Tafel geäußert hat, erhält er dort keine Hilfe mehr.

In vielen Städten sammeln die Tafeln in Supermärkten, Bäckereien und auf dem Wochenmarkt Lebensmittel, die nicht mehr an die Kunden verkauft werden können, und verteilen sie an Arme.

In Münster sind es an die 7.000 Menschen, die regelmäßig bedient werden.

»Als ich zwei Wochen nach dem Interview das erste Mal wieder zur Essensausgabe der Münster-Tafel kam, erwartete mich schon der Vorsitzende und teilte mir mit:

Sie bekommen von uns nichts mehr«, erzählt Seegers, der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung sehen möchte.

Hört die Nächstenliebe dort auf, wo die Meinungsfreiheit beginnt?

Das fragt sich der 56jährige Hartz-IV – Empfänger, der wegen einer Behinderung nicht mehr voll arbeiten kann und von 359 Euro plus Miete leben muß.

Seegers mag sich nicht gefallen lassen, wie die Münster-Tafel ihn behandelt. Deshalb hat er Ewald Halbach um Hilfe gebeten.

Der langjährige Gewerkschafter kandidiert als DKP-Mitglied für die »Soziale Liste Münster« bei der Kommunalwahl in drei Wochen für den Posten des Oberbürgermeisters.

Vor kurzem gingen die beiden frühmorgens zur Ausgabestelle der Tafel, um noch einmal mit den Verantwortlichen zu reden.

Die Stimmung beim Ortstermin ist gereizt. Ein Mitarbeiter ruft per Handy den Vorsitzenden, Roland Goetz, herbei. Der rollt wenig später in einer Nobelkarosse aus Stuttgart auf den Parkplatz der katholischen Kirchengemeinde, die der Tafel ihre Räume zur Verfügung stellt.

»Wir arbeiten hier alle ehrenamtlich, aber nicht für Leute, die uns ans Schienbein treten«, sagt Goetz.

»Sie sind doch nicht der Herrgott«, erwidert Halbach.

Der Tafelchef bleibt unnachgiebig, moralische Bedenken hat er nicht:

Seegers bekommt keine Lebensmittel mehr. – Auch seine Frau nicht, die mit der ganzen Geschichte nichts zu tun hat.

»Niemand hat einen Anspruch auf die Hilfe unseres Vereins«, sagt Goetz.

»Wir entscheiden, wer etwas bekommt und wer nicht.«

Formal ist das sogar richtig: Wer sich vom Sozialamt ungerecht behandelt fühlt, kann Einspruch erheben. – Sogar vor Gericht ziehen, wenn er will. Wem dasselbe mit einem sozialen Verein passiert, der kann nur auf Einsicht hoffen. Oder an die Öffentlichkeit gehen.

Nachdem Halbachs Vermittlungsversuch gescheitert ist, wird nun die Linke Liste (Linkspartei plus DKP) im Stadtrat eine Anfrage stellen.

Immerhin ist der amtierende Oberbürgermeister der CDU Schirmherr der Tafel; der Verein bekommt auch 10.000 Euro pro Jahr aus dem städtischen Haushalt bekommen – mithin aus Steuergeldern.

Vom Bundesverband der Tafeln in Deutschland mit Sitz in Berlin ist übrigens keine Hilfe zu erwarten:

»Die Satzung des Bundesverbandes regelt nicht die Beziehungen einzelner Tafeln zu ihren Kunden«, sagt Sprecherin Anke Assig gegenüber junge Welt.

»Jede örtliche Tafel entscheidet selbst, wen sie unterstützt.«

Und in Münster gilt offenbar: Wer meckert, soll doch beim Discounter kaufen. Oder eben weniger essen.

Quelle: Originalartikel junge Welt

Advertisements