von Julie
Von Roberto J. De Lapuente

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Der Deutschen liebste Hauspostille ist mal wieder in ihrem Element. Ein offenbar pädophiler Mann wurde gefasst, dessen widerlichen Missbräuche angeblich im Internet zu begutachten waren.

Nicht dass man grundlegend daran zweifeln müßte, aber ein Grundzweifel muß beibehalten werden in Zeiten, in denen vorgeschobener Kindesschutz dazu missbraucht wird, Kontrollmechanismen einzurichten, in denen Sittlichkeitskodizes in Namen von Kindern verabschiedet werden, nach denen beispielsweise auch Homosexualität eingeschränkt gehört. Was nicht heißt, dass dieser „Pädophile der Stunde“ eine Erfindung sein muß. Natürlich fragt jene Zeitung des kleinen Mannes schwermütig, wer uns wohl, unsere Kinder vor solchen Bestien beschützen möge – eine berechtigte Frage, die aber in jenen Blättern weniger von Sorge begleitet wird, als von Rachegefühlen und eiserner Härte.

Ja, wer beschützt eigentlich die Kinder? Wer beschützt sie vor einer verrohenden Medienkultur? Wer beschützt sie davor, dass Journalisten wieder von Dreckschweinen schreiben dürfen. Ganz unverhohlen, ganz ungeschminkt! Ja, der Mann hat eine verachtenswerte Straftat begangen – aber Journalismus hat nicht mit Beleidigungen um sich zu werfen, hat der Emotionalisierung solcher Verbrechen nicht Vorschub zu leisten. Dreckschwein! Man stelle sich das mal vor! So weit sind wir schon wieder!

Wer behütet die Kinder eigentlich vor dieser kaltblütigen Unkultur? Wer hält seine schützende Hand über unsere Kinder, wenn die Lynch-Gesinnung des Stammtisches durch den Blätterwald rauscht? Es ist schon ein Hohn, dass ausgerechnet jene Tageszeitung immer wieder den Kinderbeschützer mimen will, sich für Kinder stark macht, gleichzeitig sich aber nur in den Mitteln von jenen unterscheidet, die Kinder so widerlich ausbeuten und missbrauchen. Sie beschreibt Missbrauchshöllen, denen Kinder ausgeliefert waren, arbeitet derweil fleißig am Aufbau neuer Gesellschaftshöllen, zu denen das Leid jener Kinder nochmals missbraucht und ausgebeutet wird.

Ein unangebrachter Vergleich? Mitnichten! Wenn eine Tageszeitung emotionalisiert, Täter als Dreckschweine bezeichnet, auch Gift und Galle erbricht über Menschen, die ihre Tat bereits gesühnt haben, Parolen zu härteren Strafmaßen verbreitet, als wären die hierzulande erlassenen Strafen unausreichend, lediglich spaßige Kurzurlaube, dann trägt das zu einer Barbarisierung der Diskussionskultur bei. Was am Ende dieser Fehlentwicklung steht, die sich gar nicht fehlerhaft entwickelt hat, sondern durchaus eine zielgerichtete Kampagne darstellt, das ist die Todesstrafe.

Das Leben wird wieder antastbar. Einen Menschen zu töten, das ist immer schwierig, aber ein Dreckschwein, ein Schwein zu schlachten, es auszuweiden, das schlummert im Überlebenstrieb des Menschen. Dorthin führt eine solche Sprache, eine solche öffentliche Sprache, denn im Privaten kann man durchaus so reden, mal verbal unter die Gürtellinie boxen; wenn es aber gesellschaftsfähig wird, einen Straftäter zu animalisieren, ihn zum Nicht-Menschen zu machen, ihn auszugrenzen aus der eigenen Gattung, dann gleitet es ins Schlachthaus ab, dann ist die Hinrichtung zwar noch nicht Wirklichkeit geworden, aber sie ist nicht mehr auszuschließen, dann wird sie zur Option.

Was dann juristisch noch keinen Alltag darstellen wird – so schnell ändern sich Gesetze nicht -, wird ins Moralische gehievt, wird ethischer Imperativ. Das Töten eines Dreckschweins mag juristisch belangt werden, aber der Täter wird ein Volkstribun, ein Held der Massen, ein moralisch einwandfreier Charakter sein. Und mit einiger exegetischer Fachfertigkeit, wird aus dem Mörder, aus diesem Statthalter der Moral, der nur getan hat, was der Staat (noch) versäumte, ein blühender Demokrat, eine Koryphäe neuer Demokratie. Aus der aufklärerischen Domäne, aus dem Attribut der Zivilcourage wird das Gegenteil, wird legitimierte Menschenverachtung – schwarze Zivilcourage.

Wer beschützt also unsere Kinder? Einerseits vor solchen, die nicht elektrische Stühle, sondern fachmännische Hilfe benötigen, um ihren sexuellen Trieb zu Lasten von Kindern zu bändigen? Und andererseits vor denen, die fachmännisch dabei helfen, der Rachejustiz, der Hinrichtungsmentalität zu ihrem Recht zu verhelfen?

Die unseren Kindern eine inhumane, entmenschlichende Sprache angedeihen lassen, die den Nächsten – und auch ein verachtenswürdiger Charakter ist ein Nächster! – zum Vieh degradiert, zum reifen Schlachtvieh? Wer beschützt sie davor? Der Presserat, der sicherlich bald die Wortwahl, dieses besorgniserregende „Dreckschwein“ anmahnen wird, hat sich als zahnloser Papiertiger erwiesen – der wird in den heiligen Hallen jener Postille nur ausgelacht. Er kann unsere Kinder, unsere Gesellschaft vor der Verrohung der Sitten nicht schützen.

Wir werden schutzlos in barbarische Zeiten hinübersegeln. So fängt es immer an, wenn barbarische Zeiten auf dem Programm des Weltgeistes ste hen – erst verroht die Sprache, dann die Sitten, dann das öffentliche Leben, danach wird der rohe Mensch zum Inbegriff evolutionärer Weisheit verklärt. Nur der Roheste gewinnt, nur der Kälteste überlebt. Aufklärung adieu…

Quelle: ad sinistram

Quelle Bild: von Ali A via flickr. Bestimmte Rechte vorbehalten.

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